So ziemlich in allen Büchern von Dir gibt es ein enges Verhältnis von Geschichte und Erzählen. Bedeutet Schreiben für Dich Archivarbeit oder was steckt hinter dieser zeitlichen Verortung des literarischen Textes?

Jede Geschichte ist eine persönliche Geschichte gewöhnlicher Leute. Aber was mich am meisten erstaunt, ist die Tatsache, wie handlungsunfähig Menschen zuweilen in historischen Momenten sind, während sozialer Umwälzungen, angesichts von Krieg oder Revolution. Was mich interessiert, ist zu analysieren, wie die Menschen sich in solchen Zeiten verhalten, ich möchte ihre Gefühle ausloten, ihre Reaktionen erahnen. Auch wenn die Bücher einen historischen Hintergrund evozieren, sind die Protagonisten genau wie die Plots doch meine Erfindungen, basierend auf ewigen Themen wie Liebe oder Tod.

 

 

Im jüngsten Roman „Der Kalligraph von Isfahan“ geht es einerseits um die Auseinandersetzungen zwischen Schiiten und Sunniten, aber vor allem auch um die Unterdrückung des Sufismus durch die Orthodoxie, wobei die sympathischen Figuren die sufischen Gelehrten sind, die den Gott der Liebe, dem Gott des Zorns vorziehen. Das scheint mir, eine sehr aktuelle Ausage zu sein.

Vielleicht sollte ich, auch im Hinblick auf Deine vorherige Frage, klarstellen, dass meines Erachtens nach ein Autor sich nur in die Historie begibt, um die eigene Gegenwart zu verstehen oder sie aufzuhellen. Natürlich bezieht sich der Roman auf die Realität im Nahen Osten, auf Extremismus, das Verhältnis von Staat und Religion und - insofern die Situation in Iran hineinspielt - auch auf ökonomische Sanktionen und auf die unmittelbare Gefahr eines Militärschlages von außen. Auch dürfte klar sein, dass ich in diesem Buch von einem Kampf religiöser Kulturen berichte, aber der Roman erzählt auch eine gewöhnliche Dreiecksgeschichte, eine Geschichte des Überlebens, verbotener Liebe und Leidenschaft, eine Geschichte von Krieg und Hunger. Das historische Setting ist ein Instrument, das mir sozusagen erst erlaubt, meine Geschichte, meine ganz eigene Geschichte zu erzählen. Heutzutage ist in Iran - vielleicht auch auf der ganzen Welt die Vergangenheit mit der Gegenwart vermischt, genauso wie mit der Zukunft.

 

 

In diesem Zusammenhang kommt auch die Kalligraphie ins Spiel, die im Roman das verkörpert, was die Menschen in Wirklichkeit nicht dürfen. Die Schönschrift steht für Tanz, sogar für sexuelle Vereinigung.

Das ist richtig. Meiner Meinung nach finden sich all diese verbotenen Dinge wie Musik und Tanz ebenfalls in den Mustern persischer Teppiche. Die Gefühle und das Empfinden genauso wie das menschliche Verlangen nach Schönheit kann man unterdrücken, aber niemals ausreißen. Das Erschaffen von Schönheit ist ein grundlegender Trieb des Menschen. Zugleich wollte ich meiner Bewunderung für die persische Kalligraphie Ausdruck verleihen, also eine Art Hommage schaffen für die Kunst des „Schönschreibens“, die nichts anderes als die Liebe selbst illustriert, wenn die Buchstaben des Alphabets sich im Liebesspiel umarmen.

 

 

Der Großvater im Roman schreibt ausschließlich Texte des Dichters Rumi in Schönschrift ab. Welche Rolle spielen sufische Autoren wie Rumi im heutigen Iran. Werden sie von der Obrigkeit akzeptiert oder auch zensiert?

Rumi ist zu groß, um der Zensur anheim zu fallen. Er ist derart mit der iranischen Seele verbunden, dass das Regime es nicht wagt, irgendetwas gegen seine
Poesie zu unternehmen. Fünf klassische Dichter sind im iranischen Denken fest verankert: Firdausi, Rumi Chayy?m, Hafis und Saadi. Sie sind nicht bloß Namen in der Geschichte des Landes, sie sind präsent. Aber sie sind so gewichtig, dass wir sie noch nicht wirklich in unsere Zeit implementiert haben, sondern sie als Teil unserer Vergangenheit verehren. Allerdings ist es auch wahr, dass einige dieser Dichter während bestimmter historischer Perioden geächtet waren. Momentan aber wird keiner dieser Autoren zensiert (die Ausnahme bilden sehr erotische Passagen bei Saadi). Aber um auf Rumi zurückzukommen: das Regime fokussiert vor allem auf die schulphilosophischen Aspekte seiner Poesie. Es versucht Rumi durch Neuinterpretationen zu einem Teil ihrer Ideologie zu machen. Dabei richtet sich Rumis Dichtung an die ganze Menschheit, geradezu prophetisch beschwört sie die Menschen, ihre Unterschiede zu vergessen und stattdessen die gemeinsamen Werte hochzuhalten. Seine Lehre ist Frieden und Toleranz, eine klare Absage an gewalttätigen religiösen Fanatismus.

 

 

Ein anderes wichtiges Thema in diesem Buch scheinen mir die menschlichen Abgründe zu sein. Angesichts des Hun gers zeigen die meisten Menschen eine abscheuliche Fratze. Kannibalismus ist an der Tagesordnung und die die zu essen haben, nutzen ihre Macht skrupellos aus. Viel Hoffnung auf eine friedliche Welt scheinst Du nicht zu haben.

Nein, habe ich nicht. In unserer ganzen Vergangenheit haben wir Menschen noch nie eine Welt des Friedens erlebt, wieso sollte ich also meine Hoffnung darauf richten, dass die Zukunft anders sein wird. Sagen wir es mal so, ich sehe für eine solche Hoffnung keine Perspektive. Weisheit, Menschlichkeit sind nur Begriffe in Büchern. Schau dir doch den Nahen Osten an. Schau nach Syrien, Palästina, Afghanisten, Irak … Wir erleben geradezu einen Endzeitkrieg. Aber ich bitte drum, doch ebenfalls zu bemerken, dass ich auch von einem großartigen Aspekt der menschlichen Natur erzähle, nämlich von der Kraft der Liebe. In meinem Roman gibt es zwei Dinge, die angesichts der Umstände helfen könnten: Kunst und Liebe.

 

 

Deine Bücher werden zu einem großen Teil nicht in Iran publiziert. Und wenn, dann nur zensiert. Du sparst nicht mit Kritik an den religiösen Machthabern, du greifst Tabuthemen auf, schreibst gesellschaftskritische Artikel im deutschen Feuilleton. Und immer wieder werden Autoren wegen Regimekritik in Iran verhaftet wie im Januar die Dichterin Hila Sedighi. Wie sicher lebst du in Teheran?

Schreiben ist vielmehr wie ein Tanz auf einem dünnen Seil und unter dir ist kein Netz. Schreiben ist also nicht nur schwer, sondern fast unmöglich. Aber wir Autoren machen es möglich, in dem wir nicht aufgeben, sondern immer weiter machen. Ob man von oben herab Hand an dich legt, hängt nicht zuletzt davon ab, wie bekannt du bist und wie gut vernetzt im internationalen Raum. Es war nicht möglich, meine letzten drei Romane in meiner Heimat zu veröffentlichen, in der Sprache, in der sie verfasst wurden. Das ist enttäuschend, aber ich muss weitermachen. Nicht weil ich so ein mutiger Mann wäre, sondern weil das Schreiben eine Notwendigkeit für mich ist, weil Schreiben für mich mentales, existenzielles Gleichgewicht bedeutet. Es ist mehr als ein Job. Ich muss das Wissen, das ich über einige Themen habe, nach außen tragen, auch wenn die Obrigkeit dies als ein Aus-der-Reihe-Tanzen ansieht.

 

DOWNLOAD

 

Das Gespräch führte

Guy Helminger