Liebe Leserin, lieber Leser

Der renommierte iranische Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan erzählt in Reportagen zum wiederholten Male eine Alltagsgeschichte aus Teheran. Als in die Nachbarwohnung ein Mullah mit seiner Familie einzieht, bekommen die Cheheltans rasch mit, dass zwischen dem islamischen Geistlichen und seiner 17-jährigen Tochter Somayeh der Haussegen schief hängt. Sie wird auf der Strasse ohne Kopftuch gesehen, hört laute Popmusik und tritt in einen Hungerstreik, als der Vater ihr das Handy wegnimmt. In Die Tochter des Mullahs (aus unserer aktuellen Ausgabe #87) erzählt Cheheltan, wie vor allem seine Frau versucht, in dem Generationenkonflikt zu vermitteln – zunächst ohne Erfolg. Als der Vater Somayeh untersagt, an einer Wanderung mit jungen Männern teilzunehmen, fliesst am Ende Blut. Die Geschichte zeigt beispielhaft, warum die Proteste der iranischen Jugend bis in die eigenen vier Wände hineinreichen.

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Reportagen-Redakteur Dmitrij Gawrisch hat Amir Hassan Cheheltan gefragt, wie sich die blutigen Massenproteste im Iran, die gerade wieder aufflammen, auf sein Schreiben auswirken. Und mit welchen Entwicklungen er rechnet. Chehaltan sagt: «Mich beunruhigt, dass die öffentliche Wut auf die Herrschenden in der Islamischen Republik ein solches Ausmass angenommen hat, dass ich mir nach einem Machtwechsel unweigerlich schreckliche Szenen der Rache vorstelle.»