Zurzeit ist die Besorgnis um Teherans künftige Wasserversorgung so gross wie nie. Weil die Herbstregen erst mit grosser Verspätung einsetzten, führen die vier Stauseen, welche die 15-Millionen-Metropole mit Trinkwasser versorgen, nur noch knapp fünf Prozent Wasser bzw. haben ihr «Totvolumen» erreicht. Rationiert wurde das Wasser zwar noch nicht, aber um abends und nachts den Druckabfall im Versorgungsnetz ausgleichen zu können, mussten viele Haushalte bereits Wassertanks und -pumpen installieren.
Der Mangel an Oberflächenwasser sowie die unkontrollierte Entnahme von Grundwasser schaffen ein weiteres Problem: Bodenabsenkung. Für manche Fachleute summiert sich das Ganze zur nationalen Katastrophe, sie meinen warnend: «Die Zeit zur Rettung der Hauptstadt wird knapp.» Kein Tag vergeht ohne bebilderte Medienberichte über diese Absenkungen, die bis zu dreissig Zentimeter pro Jahr erreichen.
Iran ist kein Land der vielen Wasser, aber so eine Wassernot wie heute gab es noch nie. An der Südmauer des Apadana-Palasts in Persepolis (Takht-e Jamshid) findet sich eine von Archäologen als das Gebet des Achämenidenkönigs Dareios des Grossen bezeichnete Inschrift. Sie lautet: «Gott möge dieses Land vor Feinden, Dürre und Lügen bewahren.»
Die Frauen sind schuld
Dürren galten damals als himmlische Plagen, aus denen allein Gottes Beistand denAusweg wies, doch in der heutigen Zeit, wo den Menschen ein reiches WissenundeineFülletechnischerMöglichkeitenzur Verfügungstehen,stelltsichdieFrage,inwieferneine schlechte RegierungsführungUrsachederMisereist.
Iran liegt in einer trockenenRegionderErde.Der Klimawandel und die globale Erwärmung führen in Westasien und Nordafrika zu einem Rückgang der Niederschläge und damit zuWasserknappheit. Doch das ist nur der kleinere Teil der Wahrheit. Der grös sere Teil liegt darin, dass die Krise der Wasserwirt schaft viele andere Ursachen hat:politische Fehlent scheidungen, Missmanagement, Inkompetenz auf allen Hierarchiestufen.
Regierungsbeamtewissennochweitmehr:Grund für die Dürre seien die mangelnde Gottesfurcht und die Sündhaftigkeit der Menschen im Land. Ein Mit glied des Wächterrats beliebte die Wasserkrise als Folge des Umstandsdarzustellen,dass Frauen sich in der Öffentlichkeit nicht mehr verschleierten,und ein ParlamentsmitgliedbegründetedieAustrocknungdes Flusses Zayandeh-RudinIsfahandamit,dassFrauen sich unangemessen gekleidet an dessen Ufernaufge halten und obendrein Fotos gemacht hätten.
Solche abstrusenTheorien offenbaren nicht nur, wie verkommendaspolitische System in Iran ist,sie bieten den Leuten auch Gelegenheit, sich darüber zu amüsieren, selbst wenn ihnen nicht nach Lachen zumute ist. Die warnende Drohung, das Wasser in der Hauptstadt könnte rationiert werden, sowie die von Präsident Pezeshkian ins Gespräch gebrachte Möglichkeit einer Aufgabe der Megastadt senden schockierende Signale.
Diegeistige LähmungbeimVersuch,dasAusmass derKatastrophezubegreifen,istsoweitfortgeschrit ten, dass ein in den sozialen Netzwerken verbreite tesFotofürzusätzlicheKontroversensorgte.DasBild zeigteschneebedeckteBergeimNachbarlandTürkei. Es waren iranische Höhenzüge zu erkennen, ohne Schnee, vollkommen trocken. Weshalb das Gerücht aufkam,IransFeindeverfügtenüberausgefeiltetech nischeMöglichkeiten,denIranernRegenwolkenvom Himmel zu stehlen.
Fakt ist,dass der Klimawandel die Niederschlags und Verdunstungsmuster in Iran tiefgreifend verän dert hat.Die Durchschnittstemperatur ist in den ver gangenen fünfzig Jahren um rund 1,6 Grad angestie gen. Der jährliche Niederschlag ging in den meisten WassereinzugsgebietenumbiszuzwanzigProzentzu rück, was zu einer Senkung des Grundwasserpegels führt und bewirkt, dass Flüsse weniger Wasser füh ren. Nicht zu unterschätzen ist sodann die Vernach lässigung der Wasserinfrastruktur. Es gab Fehlent scheidungenamlaufendenBand,basierendaufeinem Kompetenz-undZuständigkeitswirrwarr,daszuent flechten eine heroische nationaleAnstrengung wäre.
Fachleute weisen auf die dauerhaften Lecks im maroden Leitungssystem hin, durch die in Teheran etwa dreissig Prozent des Trinkwassers versickern. Es geht um den Verlust von 170 Millionen Kubik metern pro Jahr.
Wasser ist zu billig
Teheran ist das klassische Beispiel für eine Mega stadt, die aus den Fugen geraten ist. Aufgrund ihres rasantenWachstums, ihrer horizontalen und vertika lenAusbreitung und derBallung wirtschaftlicher und industrieller Aktivitäten überstieg der Wasserbedarf das, was die Natur hergibt. Die Zahl der Einwohner hat sich vervielfacht,doch die Infrastruktur zurWas serversorgung– Staudämme, Aufbereitungsanlagen, Leitungsnetze– konnte damit nicht mithalten.
Dass der Pro-Kopf-Wasserverbrauch nach wie vor bei zwischen 200 und 220 Litern pro Tag liegt, hat einen Grund: Wasser ist billig. Bezahlt wer den nur zehn Prozent dessen, was Aufbereitung und Lieferung kosten. Es besteht daher weder für Privathaushalte noch für Firmen ein Anreiz, den Verbrauch einzuschränken. Zugleich lässt sich die gegenwärtigeWasserkrise nicht ohne die Krise von IransWirtschaft und politischem System verstehen. Die Regierung verfügt weder über ausreichende Finanzmittel zur Bewältigung der Notlage, noch geniesst sie das gesellschaftliche Vertrauen, ohne das harte politische Entscheidungen zum Scheitern verurteilt sind. Hinzu kommt die Ignoranz und In kompetenz von Führungskräften, die nach politi scher Opportunität und nicht nach fachlicher Qua lifikation ausgewählt zu werden pflegen.
In den vergangenen Jahrzehnten hat der über hastete Bau Hunderter von Staudämmen in Iran den natürlichen Wasserkreislauf in verheerender Weise gestört. Die Behinderung oder Stilllegung natürlicher Flussläufe liess Feuchtgebiete austrock nen. Der Urmia-See, Irans grösstes Binnengewäs ser, der grösste Salzsee Westasiens und der sechst grösste Salzsee derWelt, ist auf fünf Prozent seiner ursprünglichen Ausdehnung geschrumpft. Im sel ben Zeitraum fiel der Pegel der noch bestehenden Reservoire um fünfzig Meter.
Ständig wurden im Land ohne Genehmigung Brunnen gebohrt (ihre Zahl dürfte mittlerweile die Millionengrenze überschritten haben), mit der Durch die dauerhaften Lecks im maroden Leitungssystem versickern in Teheran rund dreissig Prozent des Trinkwassers.
Folge, dass die Grundwasservorräte mittlerweile so gut wie aufgebraucht sind. Da diese Brunnen oft einflussreichen Leuten und mächtigen Institutio nen gehören, lassen die zuständigen Behörden die Dezimierung der Wasservorräte schweigend ge schehen. So haben sich Grundwasserspeicher, die in Tausenden von Jahren entstanden, binnen weni ger Jahrzehnte geleert.
Die in vielen Gebieten unumkehrbaren Bo denabsenkungen haben Teheran zu einem gefähr lichen Ort gemacht.Fachleute bezeichnen die Ent wicklung als «stilles Erdbeben». Die übermässige Entnahme und das Abpumpen von Grundwasser führen zur Verdichtung von Sedimentschichten und dadurch zumVerlust der Fähigkeit des Unter grunds, Wasser zu speichern. Dies wiederum verur sacht Bodenabbrüche und-risse, die Wasser- und Gasleitungen, U-Bahn-Tunnels und andere unter irdische Infrastruktur gefährden.Auch tatsächliche Erdbeben werden riskanter
Problemfall Landwirtschaft
Selbst wenn er fällt, lindert Regen die Knappheit nicht, denn über zwei Drittel der Fläche Teherans sind durch Asphalt und Beton versiegelt. Nur drei bis fünf Prozent des Niederschlags vermögen zu versickern; der Rest fliesst in Abwasserkanäle ab und bleibt völlig nutzlos. Andere von Trockenheit betroffene Länder der Welt haben gelernt,Wasser zu sparen und die begrenzten Ressourcen sorgfäl tig und klug zu bewirtschaften. Es ist höchste Zeit, dass Iran von ihnen lernt.
Neunzig Prozent desWassers verbraucht in Iran die Landwirtschaft, die noch überwiegend tradi tionell betrieben wird, sehr ineffizient ist und we nig abwirft. Ohne moderne Bewässerungstechnik resultiert ein astronomisch und selbstzerstörerisch hoherWasserverbrauch.Nochimmerfehltdenpoli tischen Entscheidungsträgern im Agrarsektor das Verständnis dafür, dass derAnbau intensiv wasser verbrauchender Pflanzen wie Melonen und Obst, Reis und Zwiebeln in einem wasserarmen Land Unsinn ist. Auch der Betrieb von Industrien mit hohem Wasserverbrauch wie Stahl, Petrochemie und Bergbau in austrocknenden Regionen zeugt nicht gerade von Klugheit.
Einen Ausweg aus dem Wasserstress wird es in Iran erst geben, wenn die Ressourcen kenntnis reich und verantwortungsvoll bewirtschaftet wer den, wenn es eine neue, ökologisch und ökono misch vernünftig betriebene Landwirtschaft gibt, wenn der Bau schädlicher Staudämme aufhört, wenn illegale Brunnenbohrungen verhindert und Feuchtgebiete renaturiert werden. Not tun eine transparente Regierungsführung, wissenschaft liches Denken und die Bereitschaft, international von einschlägigen Erfahrungen zu lernen.
Iran befindet sich in einer heiklen Lage. Jahre, wenn nicht Jahrzehnte wurden verschenkt, das Wasserproblem anzugehen. In ideologischen Gra benkämpfen wurde Wissenspotenzial fahrlässig verschwendet und wurden Ressourcen rücksichts los verprasst. Nun, wo der Mangel an Wasser zu Irans grösster sicherheitsrelevanter Bedrohung ge worden ist, darf man gespannt sein, was die Behör den sich einfallen lassen.
Begreifen die iranischen Machthaber, was die Stunde geschlagen hat, könnte eine radikale Neu orientierung in der Wasserbewirtschaftung zum Katalysator für grundlegendere politische Refor menwerden.Wennabernichtspassiert,werden sich die Bürger der StadtTeheran daran gewöhnenmüs sen, dass ihnen das Wasser zwischendurch regel mässig abgestellt wird.
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Amir Hassan Cheheltan lebt als Schriftsteller in Teheran.– Aus dem Persischen von Jutta Himmelreich