Eine Chronologie von Albtraum und Tod

06.09.2012 | Hamburg

„Teheran. Stadt ohne Himmel“ bildet den Abschluss von Amir Hassan Cheheltans Trilogie um die iranische Hauptstadt. Auf Deutsch liegt der Roman nun erstmals ungekürzt und ohne Rücksicht auf die iranische Zensur vor. Die ersten Bände, „Teheran. Revolutionsstraße“ (P. Kirchheim, München 2009) und „Amerikaner töten in Teheran“ (C.H. Beck, München 2011), konnten in Iran bislang nicht erscheinen.

Obwohl alle drei Bücher auch unabhängig voneinander funktionieren, bilden sie doch zusammen ein komplexes und vielschichtiges Gesellschaftspanorama vor dem Hintergrund der tiefen historischen Einschnitte seit den zwanziger Jahren unmittelbar nach der Konstitutionellen Revolution. Im Zentrum stehen immer wieder der CIA-Putsch gegen Ministerpräsident Mohammed Mossadegh im Jahr 1953, der die aufkeimende Demokratie zerschlug und durch die prowestliche Militärdiktatur des Shahs ersetzte, sowie die Islamische Revolution von 1979, die in das bis heute bestehende theokratische Regime mündete. In jedem Buch legt Cheheltan andere Schwerpunkte, nimmt andere Blickwinkel ein, stellt andere Figuren in den Mittelpunkt und verquickt deren Schicksale mit minutiös recherchierten Darstellungen historischer Ereignisse. Am Ende greift alles ineinander wie bei einem großen Zahnrad, die Romane berühren sich in Einzelszenen, die sich in allen dreien nahezu wortgleich abspielen, nur um den Leser danach in gänzlich unterschiedliche Richtungen zu schicken. So lernt er nicht nur die pulsierende Millionenmetropole Teheran im Verlauf fast eines ganzen Jahrhunderts kennen, sondern taucht auch tief ein in die menschlichen Probleme, politischen Strömungen und alltäglichen Widrigkeiten, durch die sich ihre Bewohner kämpfen.

„Teheran. Stadt ohne Himmel“ stellt die Geschichte von Keramat in den Mittelpunkt, genauer gesagt: die letzten vierundzwanzig Stunden seines Lebens. Der Leser kennt ihn bereits aus „Teheran. Revolutionsstraße“, wo er als brutaler Wärter im berüchtigten Evin-Gefängnis auftrat – dort werden politische Gefangene festgehalten und nicht selten gefoltert und getötet. Es ist nicht das erste Mal, dass Cheheltan aus der Sicht der Täter erzählt und hierüber deren Doppelmoral und Dummheit entlarvt. Keramat wird Ende der Zwanziger in einem kleinen Dorf geboren, mit zwölf geht er nach Teheran und durchlebt eine Zeit von Armut und Gewalt. Er lebt auf der Straße, wird misshandelt und kommt in eine „Besserungsanstalt“. Dort lernt er Schläger und Gauner aus der Teheraner Unterwelt kennen. Er schließt sich ihnen an und wird zur großen Nummer, kontrolliert bald ganze Stadtviertel. Er strotzt vor Selbstbewusstsein, hält sich für beliebt bei den Frauen, doch er ist nichts weiter als ein primitiver Macho, der seine Probleme mit den Fäusten regelt. Beim Putsch gegen Mossadegh ist er an vorderster Front dabei, mobilisiert Schlägertrupps, ohne überhaupt zu begreifen, was da gerade passiert, woran er sich da beteiligt. In den Sechzigern lässt er sich das Antlitz des Shahs auf den Oberarm tätowieren, baut seine Macht aus, steigt in die Rotlichtszene ein. Als er Ende der Siebziger begreift, dass die Tage der Monarchie gezählt sind und Chomeini die Macht übernehmen wird, passt er sich schnell an. Auf der Straße lässt er Kommunisten, Shah-Anhänger und Chomeini-Gegner gleichermaßen verdreschen. Das neue Regime dankt es ihm und beschert ihm den hohen Posten im Folterknast.

Cheheltan erzählt all das nicht linear. Während des einen Tages, an dem der Roman spielt, taucht er in die Erinnerungswelt seines Protagonisten ein, in der reales Erinnern und Verklärung und nachträgliche Beschönigung verschwimmen. Was sich dahinter eröffnet ist ein Blick auf die Funktionalität von Diktaturen, die auch deswegen existieren können, weil es so anpassungsfähige Menschen wie Keramat zu Hauf gibt. Wem er dient, ist ihm im Grunde egal, Hauptsache er kann für sich selbst den größten Vorteil aus der Situation ziehen. Die eigenen Widersprüche und Lebenslügen werden einfach ausgeblendet.

„Teheran. Stadt ohne Himmel“ ist so faszinierend, intensiv und beklemmend wie seine Vorgänger, die komplette Trilogie nichts weniger als ein literarisches Meisterwerk, dessen Wirkung und Bedeutung weit über den historischen Kosmos der Geschehnisse in der iranischen Hauptstadt hinausreicht.


Exklusivbeitrag


Amir Hassan Cheheltan: Teheran. Stadt ohne Himmel
. Roman, aus dem Persischen übertragen und mit einem Nachwort von Kurt Scharf, gebunden, 19,90 € ISBN 978-3-406-63943-2 C.H. Beck, München 2012