Ungelöste Todesfälle in Iran Er wollte nur schreiben

· Der junge Blogger Sattar Beheshti ist im Gefängnis gestorben. Sein Schicksal wandert in die Schatulle zu den anderen ungelösten Todesfällen in Iran.



AFP

Blick in das gefürchtete Evin-Gefängnis in Teheran: Hier starb auch Sattar Beheshti

Sattar Beheshti, ein junger Blogger aus Iran, starb im Gefängnis; einfach so. Manchmal passiert so etwas sogar noch einfacher, dann nämlich, wenn die Gesellschaft über ein solches Verhängnis schweigt. Sattar ist ein glücklicher Toter, weil die Verantwortlichen und alle Medien über ihn sprechen, und man kann sogar sagen, dass so etwas wie ein Nachrichtenchaos entstanden ist. Die iranische Judikative beschuldigt die den Staat unterstützenden Medien, den Fall als Stimmungsmache auszunutzen.

Das Datum seiner Festnahme wird unterschiedlich angegeben. Seine Familie, die vermutlich authentische Informationen zur Verfügung stellen könnte, ist die große Abwesende in diesem Fall. Unbestätigte Quellen meinen, einer der Polizisten habe bei der Verhaftung auf die Frage, ob er sich ausweisen könne, seine Waffe gezeigt. Diese einfache, doch eindeutige Geste deutet auf die Lösung des Geheimnisses hin.

Ein weiterer unbestätigter Bericht besagt, dass der politische Häftling bei den Verhören in einer Weise traktiert wurde, dass seine Nieren ausgefallen seien und die Misshandlung zum Tod geführt habe. In Teheran überstürzen sich die politischen Ereignisse so sehr, dass kein Vorfall, so wichtig er auch sein mag, die Öffentlichkeit längere Zeit beschäftigen kann. Immer gibt es ein noch schrecklicheres Ereignis, das im Anmarsch ist.

Medien und Verantwortliche schwiegen

In Iran ist ein Menschenleben weniger wert als eine Ware. Die Art, wie der Krieg mit dem Irak in den achtziger Jahren verwaltet wurde, lässt das offensichtlich werden. Dem Blogger wird nachgesagt, er sei ein junger Arbeiter gewesen und habe in seinem Blog die gesellschaftlichen Umstände kritisiert. Beheshti hat nur geschrieben, dafür verdient niemand den Tod. Niemand kannte den Blogger. Alles begann damit, dass ein junger Journalist eines Tages die aufgezeichnete Stimme einer Familie veröffentlichte, die in der Aufzeichnung wütend und traurig die Festnahme ihres Kindes und dessen Tod im Gefängnis schilderte. Persischsprachige Sender im Ausland griffen die Nachricht auf und sendeten sie.

Rasch verbreiteten sich in Iran die Gerüchte, während die Medien und Verantwortlichen beharrlich schwiegen, bis einige Tage nach dem Ereignis ein Abgeordneter das Schweigen der Justiz zum Tod Sattars kritisierte: „Sucht die korrupten Verantwortlichen oder die Verdächtigen, anstatt die Medien und die Blogger anzugreifen.“ Am nächsten Tag wurde verkündet, dass die „Kommission für Nationale Sicherheit“ der Sache nachgehen würde. Und das, obwohl der Präsident dieses Ausschusses verkündete, dass keinerlei Spuren von Gewaltanwendung am Körper des Betreffenden gesichtet worden seien.

Alle erfüllen ihre Pflicht

Einundvierzig politische Mitgefangene von Sattar Beheshti schrieben daraufhin im Trakt des Evin-Gefängnisses einen offenen Brief, in dem sie erklären, dass „Gewalt an seinem Körper“ zu sehen war, „als sie ihn in unseren Trakt verlegten“. Offensichtlich hatte Sattar Beheshti in der kurzen Zeit seiner Gefangenschaft Gelegenheit, einen Bericht über die Folter an das Büro des Gefängnisdirektors zu verfassen. Der Generalstaatsanwalt bestätigte den Bericht des Gerichtsmediziners, wonach der Körper von Sattar Beheshti blaue Flecken aufwies. Dennoch behauptet ein Mitglied der „Kommission für Nationale Sicherheit“ in einem Interview: „Es könnte sein, dass einige politische Häftlinge bei der dubiosen Ermordung von Sattar Beheshti ihre Hände im Spiel gehabt haben.“

UN-Sonderberichterstatter zur Situation der Menschenrechte fordern nun vom iranischen Staat, den Tod des jungen Bloggers aufzuklären, und in Iran bekunden alle von der Justiz bis zum Parlament und den Streitkräften ihre Absicht, den Schuldigen zu finden. Einige Verdächtige sind sogar schon festgenommen worden. Was daraus folgt, können wir erraten: Ein oder zwei subalterne Beamte werden zu einer Geldstrafe oder zu einer Haftstrafe von höchstens ein paar Monaten verurteilt.

Alle erfüllen ihre Pflicht, und dann nimmt das Leben wieder seinen gewohnten Lauf. Das Gewissen der iranischen Öffentlichkeit jedoch wird diesen Todesfall in die Schatulle mit den Geheimnissen über die anderen ungelösten Todesfälle legen.